Der Bettler

Der Bettler


Eine Kurzgeschichte aus der Zeit Christi


© Thomas Eich

Laut knallt die Peitsche des römischen Soldaten in der Luft, ehe sie auf den Rücken des blinden Bettlers niederfährt. Mit leisem Stöhnen taumelt der Alte zur Seite und sinkt zu Boden.

„Friede sei mit euch“, ruft er leise dem weiterreitenden Soldaten nach und wischt sich über die Augen.

Ein junger Schmied, der den Vorgang beobachtet hat, tritt aus der Tür seines Hauses und schlendert auf den am Boden Liegenden zu.

„Alter, dummer Simon. Wie oft haben sie dich schon von der Straße geprügelt? Und du wünschst ihnen noch Frieden. Die Pest soll sie alle holen.“

Verächtlich spukt er aus und hilft dem Alten auf die Beine.

„Ach, weißt du, Jeremias, auch die Römer sind Menschen und unserer guten Wünsche wert.“

„Menschen!“ Der Schmied verzieht das Gesicht zur Grimasse. „Wilde Bestien sind sie, die uns – das auserwählte Volk – mit Füßen treten und uns ihre guten Wünsche mit der Peitsche auf den Rücken schreiben. Ich versteh dich nicht, Simon. Die römischen Bastarde waren es doch, die dir dein Augenlicht nahmen.“

„Das war im Krieg, mein Junge, und im Krieg sind die meisten Menschen wie Bestien. Aber was würde es mir nutzen, ihnen zu zürnen und ewige Rache zu schwören? Würde ich dadurch mein Augenlicht zurückerhalten? Nein, nein. Rache ist wie ein Feuer; ehe der Mensch es in die Hütte seines Feindes werfen kann, verzehrt es ihn selbst. Aber den Frieden, Jeremias, den Frieden kann jeder Mensch brauchen, auch ein Römer.“

„Ja, ja, das kenn ich schon.“ Der Schmied wendet sich ab und geht zurück ins Haus. Auf der Schwelle dreht er sich noch einmal um.

„Doch warte nur, bis der Messias kommt. Mit Schwert und Feuer wird er die römische Brut vom Erdboden vertilgen. Er wird uns befreien von den Fesseln der Knechtschaft und als König ein ewiges Reich errichten, dem kein Feind trotzen kann.“

Die Augen des jungen Mannes funkeln, und ohne auf eine Entgegnung zu warten, verschwindet er im Haus. Aus ihm hatte die Hoffnung unzähliger Juden gesprochen, die auf einen Messias warten, der sie vom Joch der Römer befreien soll.

„Wenn ihr euch in eurem Messias nur nicht täuscht!“, murmelt der Alte, als er die Hammerschläge aus der Schmiede tönen hört, und klopft sich den Staub von seinem Gewand. „Wenn ihr euch nur nicht täuscht!“

Er will gerade die Gasse hinauf seinen Weg fortsetzen, da hört er aus der Stadt Lärm herauftönen. Lärm, der sich ihm langsam nähert. Aus Furcht vor neuen Peitschenhieben eilt der Alte an eine Hauswand. Er will warten, bis die lärmende Menge, die sich ihm unausweichlich zu nähern scheint, an ihm vorübergezogen ist.

Die Stirn in Falten gelegt, lauscht er. Zornige Schreie, Peitschenhiebe und ein eigenartig schlürfendes Geräusch. Was mag das Getöse bedeuten? Der Lärm kommt immer näher. Nur schwer kann er einzelne Wortfetzen heraushören. Viele Stimmen schreien wild durcheinander. Sie schimpfen und fluchen einem Mann, der anscheinend ein gefährlicher Verbrecher ist. Simon macht einen Schritt von der Wand weg, um die Rufe besser verstehen zu können. So aufgebracht hat er die Menge noch selten erlebt. Aber er kann aus dem ganzen Schreien und Lärmen nicht heraushören, was der Mann Schlimmes getan hat, noch, was mit ihm geschehen soll.

„Gott schütze ihn“, murmelt Simon. Dieser aufgepeitschte Pöbel ist ihm zuwider. Die Opfer solchen Volkszornes fanden schon immer sein Erbarmen. Er ist froh, dieses Schauspiel nicht mit ansehen zu müssen.

Schon hat die Menge ihn erreicht. Soldaten machen die Straße frei. Laut knallen ihre Peitschen aufs Pflaster. Der alte Mann drückt sich dichter an die Wand, um nicht noch einmal von der Peitsche eines Römers getroffen zu werden. Da tritt sein Fuß auf einen lockeren Stein und er verliert den Halt. Er taumelt nach vorn, kann sich nur mühsam auf den Beinen halten und stolpert genau auf die vorüberziehende Menge zu. Sofort trifft ihn ein gezielter Peitschenhieb auf die Schulter. Er sinkt zu Boden, nahe daran das Bewusstsein zu verlieren, und bleibt einige Augenblicke regungslos liegen.

Plötzlich hört er, wie dicht neben ihm ein Balken oder etwas Ähnliches aufs Pflaster knallt, und ein Mann stöhnend zusammenbricht. Das muss jener sein, gegen den sich die aufgebrachte Menge vergeht. Vielleicht wollen sie ihn steinigen oder ihm sonst ein Leid zufügen. Schnell richtet sich der Alte auf, ertastet den Arm des Fremden und spricht ihm Mut zu. Da legt dieser seine Hand auf die des Bettlers und spricht mit schwacher Stimme:

„Du hast ein großes Herz, dass du dich selbst des Niedrigsten erbarmst. So will auch ich mich deiner erbarmen.“

Der Alte stutzt, er versteht die Worte des Fremden nicht, doch ehe er darüber nachdenken kann, wird er hart an der Schulter gepackt und zur Seite gestoßen. In der Nähe eines alten Brunnens stürzt er nieder und bleibt einige Augenblicke benommen liegen.

Nur langsam kommt er wieder zu sich. Mühsam richtet er sich auf. Doch was ist das?

Ihm stockt der Atem. So schnell er kann, steht er auf, eilt zum nahen Brunnen und wäscht sein Gesicht, reibt sich die Augen und –

Tatsächlich! Es ist wahr! Er schluckt. Wie ist das möglich? Ungläubig blickt er in das Wasser des Brunnens, in dem sich langsam wieder sein Spiegelbild formt. Dann schaut er auf seine Hände, die Häuser, die Straße. Er kann es nicht fassen. Das muss der Fremde bewirkt haben. Er muss ihm danken.

Suchend blickt sich der Alte um, doch der Zug ist längst weitergezogen. Er sieht nur noch, wie außerhalb der Stadt ein hölzernes Kreuz aufgerichtet wird.

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