Der Einsiedler

Der Einsiedler

Geschichte einer besonderen Begegnung


© Thomas Eich

Er war schon ein komischer Kauz, der alte Einsiedler. Zum ersten Mal begegnete ich ihm, als ich das Dorf meiner Kindheit besuchte und durch den nahen Wald spazierte. Er saß auf einem verwitterten Baumstumpf, und schon von Ferne merkte ich, wie er mich beobachtete. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er mich, und als ich gerade an ihm vorübergehen wollte, sprach er mich an.

„So eilig, junger Freund? Willst du nicht die Stille des Waldes genießen?“

Einladend deutete er auf einen zweiten Baumstumpf neben sich. Ich blieb überrascht stehen, suchte mit hochrotem Kopf nach Worten, die ich nicht fand, und setzte mich schließlich nieder, obwohl ich lieber weitergegangen wäre. Nun erwartete ich eine Unterhaltung, doch sie blieb aus.

Hatte der Alte bis jetzt den Blick nicht von mir gelassen, so beachtete er mich nun überhaupt nicht mehr. Er wandte sich ab, sah versonnen in die Ferne und zog hin und wieder an seiner Pfeife. Er schien mich von einem Moment auf den anderen vergessen zu haben.

Ich wusste nicht, was ich von diesem Gebaren halten sollte. Die eingetretene Stille war mir peinlich. Nervös spielte ich mit meinem Hut und musterte den Alten. Unbeweglich saß er auf seinem Baumstumpf. Der von Zeit zu Zeit aus seinem Mundwinkel aufsteigende Qualm war das einzige Lebenszeichen, das er von sich gab. Er schien nicht gewillt, sich mir zuzuwenden. Ich räusperte mich vorsichtig, doch er reagierte nicht. Langsam wurde mir unheimlich zumute. Unruhig rutschte ich hin und her. Schließlich hatte ich genug anderes zu tun, als hier zu sitzen und die Bäume anzustarren. Was wollte dieser Mensch von mir?

„Ihr Städter habt keinen Blick für die Natur.“ Ohne sich zu rühren, hatte der Alte das Schweigen gebrochen und mir die Worte wie glitzernde Wassertropfen in meine Gedanken geworfen. „Ihr seht und seid doch blind. Ihr hört und seid doch taub. Wie aufgescheuchte Hühner hetzt ihr durch eure künstliche Welt und geht der Ruhe ängstlich aus dem Weg. Stille ist euch unangenehm. Für euch zählt nur Geld, Geschäft und Vergnügen.“

Langsam wandte er sich mir zu. Zum ersten Mal schaute ich in seine Augen. Etwas Geheimnisvolles lag in ihnen. Ernst sahen sie mich an.

„Ihr hastet durch die Einsamkeit des Waldes wie durch die Einkaufsstraßen eurer Städte. Den Blick zu Boden gesenkt, denkt ihr nur an eure Sorgen und Probleme, an das Gestern, an das Morgen. Und in euer Grübeln versunken, versäumt ihr das Heute, überseht ihr die Schönheit der Gräser, der Bäume, der Sträucher. Warum kommt ihr überhaupt in den Wald? Ihr habt keine Ahnung, was er für euch bedeutet, wie wichtig er für euch ist, wie lebensnotwendig. Wichtiger als eure ganze Zivilisation. Wald ist Leben, Leben ist Gott.“

Mit durchdringendem Blick sah er mich an. Seine braunen Augen funkelten. Dann wandte er sich wieder ab und schwieg. Ohne ein weiteres Wort überließ er mich meinen Gedanken. Er schien nicht bereit, sein Schweigen erneut zu brechen.

Nach einigen Minuten erhob ich mich, murmelte etwas von dringenden Angelegenheiten und machte mich aus dem Staub.

Erleichtert verließ ich den Wald und hätte dieses merkwürdige Erlebnis sicher schnell vergessen, wäre nicht ein seltsame Nachgeschmack geblieben. Obwohl ich es mir nicht eingestehen wollte, waren die Worte des Alten tiefer in meine Seele gedrungen, als ich gedacht hätte. Immer wieder sann ich über sie nach, und je mehr ich das tat, umso einleuchtender erschienen sie mir.

Als ich einige Tage später in die Stadt zurückkehrte, nahm ich mir vor, das Gehörte zu prüfen. Schon bald merkte ich, wie recht der Alte hatte. Ich beobachtete, wie die Menschen durch die Straßen hetzten, von Stress und Hektik geplagt ihren Geschäften nachgingen und sich in diverse Freizeitaktivitäten und Vergnügungen stürzten. Ich wunderte mich, warum mir das früher nie aufgefallen war. Doch war ich anders? Ohne es zu merken, hatte ich mich mitreißen lassen auf den Wogen dieses unerbittlichen Stroms – genauso achtlos wie alle anderen. Gefangen im Getriebe der alltäglichen Beschleunigung und der rastlosen Betriebsamkeit unserer modernen Gesellschaft.

Beschämt nahm ich mir vor, von nun an gegen den Strom zu schwimmen, mich nicht mehr anstacheln zu lassen von der Hast und Eile des großstädtischen Trubels. Doch wie sollte ich das machen? Auch weiterhin saß mir die Zeit im Nacken, drängten mich die Termine, lasteten die Sorgen des Alltags auf meinen Schultern. Es war gar nicht so leicht, Ruhe zu finden und die Gedanken dem gehetzten Treiben zu entreißen.

Die laute Zerstreuung und Unterhaltung war viel leichter zu konsumieren als die Stille des Waldes und der Natur. In der Natur fehlte alles Grelle, Schrille und Aufdringliche, von dem man sich so schön berieseln und gefangen nehmen lassen konnte. Auch die schnelle, hektische Abwechslung modernen Entertainments gab es nicht. Betrübt stellte ich fest: Die Natur war mir etwas ganz und gar Fremdes geworden. Sie entsprach nicht dem Geist meiner Zeit und den antrainierten Denk-, Lebens- und Funktionsweisen meiner großstädtischen Existenz. Mir war der Zugang zur Natur verloren gegangen.

Als ich einige Monate später wieder das Dorf meiner Kindheit besuchte, hoffte ich, dem alten Einsiedler noch einmal zu begegnen. Täglich streifte ich durch den Wald und hielt Ausschau nach ihm. Stundenlang saß ich auf dem Baumstumpf unserer letzten Begegnung. Doch vergebens. Ich suchte den ganzen Wald nach ihm ab, fand ihn aber nicht. Er war verschwunden. Enttäuscht ließ ich mich ins hohe Gras sinken und blickte mich um.

Einzelne Sonnenstrahlen fielen durch das Blätterdach der hohen Wipfel, formten Lichtsäulen in das dichte Grün und durchfluteten alles mit einer wohlig wonnevollen Wärme. Schmetterlinge tänzelten zwischen den Lichtsäulen umher, Eichhörnchen huschten in eiligem Lauf die Baumstämme empor, und die Buchenblätter rauschten sanft im lauen Abendwind. Ganz in meiner Nähe rief ein Zilpzalp, auch ein Rotkehlchen und eine Misteldrossel stimmten ein.

Schon oft hatte ich Ähnliches gesehen und gehört, doch es kam mir vor, als würde ich all das nun zum ersten Mal wirklich wahrnehmen. Plötzlich verstand ich, was der Alte meinte, als er sagte: „Ihr seht und seid doch blind. Ihr hört und seid doch taub.“ Wie war ich blind und taub gewesen, als diese Schönheiten mich nicht hatten beglücken, nicht hatten bezaubern können, als ich abgestumpft und achtlos an ihnen vorübergegangen war.

Nun drängte mich nichts mehr. Viele Stunden blieb ich allein im Grase sitzen, fühlte mich geborgen und lernte, mit den Augen zu sehen und mit den Ohren zu hören. Erst als die Sterne durch das Blätterdach funkelten, machte ich mich auf den Rückweg.

In den nächsten Monaten sollte dieses Fleckchen Erde mein Zufluchtsort werden. Immer vertrauter wurde mir das Leben und Weben zwischen den Bäumen und Sträuchern und immer fremder der Trubel und das Treiben in den Straßenschluchten meiner Stadt. So oft wie möglich fuhr ich zum Wald und versenkte mich in die Schönheit und das Leben. Der alte Einsiedler aber blieb verschwunden.

Es dauerte noch über ein Jahr, bis ich ihm wieder begegnete. Die kahlen Bäume hatten sich mit leichtem Grün überzogen, und der Frühling lugte vorsichtig in die noch kühle Halle des Waldes. Er saß auf seinem Baumstumpf, als wäre er nie weg gewesen. Ich ging zu ihm, doch er würdigte mich keines Blickes. Unbeweglich saß er da, die Pfeife im Mundwinkel und den Blick starr in die Ferne gerichtet. Ich wagte nicht, ihn anzusprechen, und setzte mich leise neben ihn. Diesmal war mir die Stille nicht peinlich. Nichts zog mich fort. Ruhig betrachtete ich den Alten. Obwohl ich ihn eigentlich nicht kannte, freute ich mich, ihn wiederzusehen. Seine ganze Erscheinung schien in der Ruhe des Waldes zu schwingen, und sein Anblick weckte in mir ein friedvolles Gefühl der Geborgenheit. Ich genoss es, schweigend neben ihm zu sitzen und auf die Stille zu lauschen.

So hatten wir etwa eine Stunde beisammen gesessen, als er unvermittelt das Schweigen brach:

„Du hast meine Worte ernst genommen, junger Freund.“ Lächelnd wandte er sich mir zu, „Ich sehe, dass du das Schweigen gelernt hast. Übe es weiter! Schweige nicht nur mit dem Mund, schweige auch mit den Gedanken! Nur wer wahrhaft schweigen kann, kann auch reden. Versenke dich in das vielfältige Leben des Waldes! Bestaune die mächtige Eiche und das leise Zittern ihrer Zweige! Erfreue dich an den munter verspielten Sprüngen des Eichhörnchens, und achte auf das vorsichtige Tapsen des Igels durch das braune Laub der vergangenen Jahre! Sieh, wie der Wind in den Wipfeln der Erlen malt und den jungen Blättern zum Tanz aufspielt. Versenke dich in die milden Blütenkelche von Buschwindröschen und Seidelbast! Lausche, was sie dir zu sagen haben, lausche auf die Stille ihres Schweigens, denn die Stille spricht und das Schweigen redet. Die Natur hat dem Menschen viel zu sagen, nur muss er auf das lauschen, was sie ihm kündet.“

Und in weihevollem Ton fuhr er fort:

„Nimm dir die Zeit, in die Stille zu gehn,
lauschend den Klang der Natur zu verstehn
und mit den Augen der Weisen zu sehn,
was dir ganz leise der Wald offenbart.

Nimm in dich auf jenen himmlischen Frieden,
der schon so lange den Menschen beschieden,
die alles Schlechte und Böse gemieden,
die sich die innere Ruhe bewahrt.

Nimm, was die heilige Erde dir schenkt,
denn, wenn dein Herz sich in ihres versenkt
und du ihr Liebe ins Herze gelenkt,
wird dir gewahr ihre himmlische Art.“

Langsam und feierlich hatte er die Worte gesprochen. Ich fühlte mich im Herzen angerührt, wie nach einer Einweihungszeremonie. Das waren nicht nur Worte, das spürte ich, es waren Wahrheiten. Wahrheiten, die die Menschen verloren hatten und die ihnen doch so nahe waren. Aus jeder Blume, jedem Baum, jedem Blütenkelch und jedem Vogelauge hätten sie sie herauslesen können, doch sie sahen sie nicht. Sie sahen und waren doch blind.

In den folgenden Jahren begegnete ich dem Alten noch einige Male, aber so viel wie an jenem Nachmittag sprach er nie wieder. Meist sprachen wir gar nicht, und doch war jedes Beisammensein ein einmaliges Erlebnis.

Nun ist er schon lange tot, und jeder andere hätte ihn längst vergessen, aber in meiner Erinnerung lebt er weiter. Oft sitze ich schweigend in unserem Wald und habe das Empfinden, er ist da. Ich fühle ihn förmlich neben mir auf seinem verwitterten Baumstumpf sitzen und versonnen in die Ferne schauen.

Ich habe ihm viel zu danken, dem alten Einsiedler. Durch ihn wurde ich frei von dem hektischen Treiben unserer Zeit. Ruhe, Frieden und Ehrfurcht sind in mein Gemüt gezogen und haben die hektische Unrast des zivilisierten großstädtischen Lebens verdrängt. Ich bin ein anderer Mensch geworden. Die Natur bedeutet mir mehr als alles Geld und alle Güter. Ich achte sie und verstehe ihre Sprache. Mit der Zeit erkannte ich:

Die Erde ist unsere Mutter, wir können ohne sie nicht leben, und wir dürfen ihr nicht schaden.

So lebe ich heute zwar immer noch in der Stadt, doch in meinem Herzen blüht die Liebe zur Natur. Jedes Mal, wenn ich einen Baum betrachte oder die Schönheit einer Blüte bewundere, neige ich ehrfürchtig mein Haupt vor der großen Mutter und denke an den alten Einsiedler, der mich lehrte, auf das Schweigen der Stille zu lauschen und die Schönheiten der Natur zu lieben.

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