Der Fremde

Der Fremde

Märchenhafte Erzählung über einen ungewöhnlichen Besuch


© Thomas Eich

Es waren einmal zwei Brüder, hagere, baumlange Kerls, die als brave Holzfäller nahe dem großen Wald lebten. Der eine, Uwe, war ein mürrischer Bursche, der froh war, wenn er abends die großen Stiefel ausziehen, in bequeme Schuhe schlüpfen und ins Wirtshaus gehen konnte. Der andere, Hubert, war feinsinniger als sein Bruder. Er liebte es, nach der Arbeit durch den Wald zu streifen, dem Abendsang der Vögel zu lauschen und zu beobachten, wie die Mutter Sonne sich hinter dem Wald zur Ruhe begab. Selbst am Sonntag, wenn der fromme Bruder vor dem Frühschoppen andächtig in der Kirche saß, schlich Hubert sich davon, legte sich ins hohe Gras einer Waldlichtung oder kletterte in die ausladenden Äste einer alten Eiche. Während Uwe mit gefalteten Händen der Predigt des Herrn Pfarrer lauschte, sang Hubert mit den Vögeln oder senkte seinen Blick ins gelbe Auge eines Löwenzahns. So in die wohlige Vielfalt der Natur geborgen, kamen ihm oftmals die merkwürdigsten Gedanken. Ehrfurcht vor der Größe der Schöpfung und die bange Frage nach ihrem Schöpfer durchzitterten seine Seele. Wer mochte all die Schönheiten erdacht und geschaffen haben?

Freilich kannte er die biblische Geschichte von der Erschaffung der Welt, aber verstanden hatte er sie nicht. Wie sollte ein Gott in nur sechs Tagen eine unermessliche Vielfalt an Wesen und Welten schaffen, wo doch selbst das kleinste Gräslein mehr Zeit benötigte, um aus einem Samenkorn zum kräftigen Halm zu werden? Er mochte die Geschichte vom „Sechstagegott“, wie er ihn nannte, nicht recht glauben.

Auch die Geschichte vom Sohn Gottes und seiner Kreuzigung verstand er nicht. Zwar liebte er den Zimmermann aus Nazareth heiß und innig, empfand seine Worte als Balsam, sein Wesen als Liebe, doch was sollte er von einem Gott halten, der seinen eigenen Sohn opfern und derart bestialisch ermorden lassen konnte? Sollte der Schöpfer ein Barbar sein, der sein Kind leichtfertig dem Tode preisgab? Und dann die Geschichte von der Auferstehung! Wer wollte ernsthaft glauben, dass ein Toter wieder zurück ins Leben tritt – ein Toter, der drei Tage im Grab gelegen hatte?

Aber wie – wenn er an den „Sechstagegott“ ebenso wenig glauben konnte wie an den „Auferstehungsgott“ – sollte er sich die Schönheiten der Natur erklären? Zufall? Nein! Daran konnte er auch nicht glauben. Doch wer hatte all die Schönheiten erschaffen, all die Pracht und Herrlichkeit, die ihm aus der Natur entgegenleuchtete?

In diese und ähnliche Gedanken versunken, lag Hubert noch lange im Gras der Lichtung oder lehnte am Stamm der Eiche, während Uwe längst im Wirtshaus bei den Karten saß.

So lebten sie Jahr ein Jahr aus, Uwe fromm und gläubig, Hubert träumend und fragend. Und während Uwe mit dem tristen Einerlei seines Lebens zufrieden war, strebte Hubert nach mehr. Oft durchstreifte er ruhelos die Wiesen und Wälder, als wollte er ihnen die Erkenntnis abtrotzen, wer sie geschaffen.

Mit den Jahren jedoch legte sich seine Unrast. Er wusste zwar immer noch nicht, wer der Schöpfer all der Schönheiten war, aber er genoss sie in vollen Zügen. Und so manches Mal meinte er die Gegenwart jenes geheimnisvollen Wesens zu spüren, sein Auge auf sich gerichtet zu fühlen. Wenn er sich dann umsah, war nichts anderes zu sehen als vielleicht ein scheues Reh oder ein schläfriger Uhu. Doch ein Gefühl warmer Geborgenheit durchrieselte seine Adern, und er meinte einen Schauer milden Wohlwollens wahrzunehmen. Wer aber mochte dieses Wesen sein? Die Frage ließ ihn nicht los.

Eines Abends – es regnete in Strömen, und der Herbst jagte dunkle Wolken über den Wald – klopfte es leise an der schweren Tür der Holzfäller. Uwe öffnete mürrisch und hätte die Tür am liebsten gleich wieder ins Schloss geworfen.

Vor ihm stand in zerlumpten Kleidern und bis auf die Haut durchnässt ein armseliger Landstreicher, ein Vagabund, ein Herumtreiber – und bettelte um Essen.

Verächtlich wandte sich der stämmige Holzfäller ab und spukte aus. Dieses Gesindel! Nur die Hand des Bruders, die sich schwer auf seine Schulter legte, hinderte ihn daran, die armselige Kreatur am Kragen zu packen und in hohem Bogen auf die Straße zu werfen. Mit angewidertem Gesicht und einer abfälligen Handbewegung wandte er sich um und ging hinauf in sein Zimmer. Hubert aber bat den Fremden herein, führte ihn in die Stube und holte trockene Kleider.

Nachdem der Bettler sich umgezogen hatte, nötigte der junge Holzfäller ihn auf die Ofenbank und brachte ihm eine Tasse heißen Tee und etwas Brot. Dankbar nahm der Landstreicher die Gaben an. Er schien lange nichts gegessen zu haben, denn schnell aß er eine Scheibe Brot nach der anderen.

Hubert freute sich, dass er dem armen Menschen helfen konnte, und lehnte sich behaglich in seinen Sessel zurück. Zufrieden betrachtete er den Fremden. Etwas eigenartig Würdevolles ging von ihm aus. Sein Körper war asketisch, aber nicht schmächtig. Seine Züge waren fein geschnitten und seine Augen klar und von leuchtendem Blau. Sie strahlten in ruhigem Glanz, und wenn sich ihr Blick in den des Holzfällers versenkte, überkam ihn so etwas wie beklommene Scheu. Welches Schicksal mochte diesen Menschen in die Gosse getrieben haben?

Als der Fremde fertig gegessen hatte, unterhielten sie sich eine Weile, und bald kamen sie auf die Natur und ihren Schöpfer zu sprechen.

„Ja“, sagte der Fremde mit sanfter Stimme, „es ist ein großes Geheimnis mit Ihm. Er ist weit über Sein Werk erhaben, waltet hoch über Seiner Schöpfung, schwingt aber gleichzeitig auch in ihr, durchdringt alles Geschaffene und kann sich dir in jeglicher Form offenbaren. Es ist ein großes Geheimnis, das vielen verschlossen bleibt und sich nur wenigen enthüllt. Nur wer Liebe in sich trägt für die Kinder jenes großen Geistes – seien es die Menschen oder deren kleinere Geschwister im Pflanzen- und Tierreich –, nur wer wahre Liebe in sich trägt, wird das Geheimnis entschlüsseln.“ Und in nahezu prophetischem Ton fuhr er fort: „Du bist auf dem rechten Weg, mein Freund. Ich glaube, Er wird sich dir zu erkennen geben.“

Betroffen sah Hubert den Fremden an. Vielleicht hatte er recht, vielleicht war tatsächlich die Liebe der Schlüssel. Liebevoll hatte er es immer empfunden, jenes Wesen, dessen Auge er manchmal so wohlwollend auf sich ruhen fühlte. Ja, liebevoll musste es auch sein, sonst hätte es nicht solch schöne, anmutige und liebenswerte Wesen schaffen können.

Na ja, irgendwann würde er vielleicht wissen, wie es wirklich war. Freundlich lachte Hubert den Fremden an und lenkte das Gespräch in andere Bahnen.

Nach einer Weile erhob sich der Bettler, dankte und wollte seine nassen Lumpen wieder anziehen, doch Hubert wehrte ab, gab ihm noch ein Paar feste Schuhe und eine Decke und führte ihn zur Tür. Der Regen hatte unterdessen aufgehört. Der Fremde stieg die kleine Treppe hinunter, blieb auf der untersten Stufe jedoch noch einmal stehen und wandte sich um. Seine Augen leuchteten in fast unirdischer Klarheit und sahen dankbar auf ihren Wohltäter. Seine Züge hatten alles Erbärmliche verloren. Erhaben und väterlich blickte er auf den Holzfäller, den ein eigenartiges Gefühl beschlich.

„Er wird sich dir zu erkennen geben!“

Segnend hob der Landstreicher die rechte Hand. Erst jetzt bemerkte Hubert das rote Mal in ihr. Und während der Fremde sich umwandte und in der Dunkelheit verschwand, stammelte Hubert mit Tränen in den Augen: „Vater!“

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