Geschichtenerzähler

Geschichtenerzähler

Die Verantwortung des Geschichtenerzählers


Gedanken zur Aufgabe von Literatur


© Thomas Eich

Seit uralten Zeiten bereichern Geschichten das Leben der Menschen. Ob Mythen, Märchen oder Legenden, Romane, Epen oder Kurzgeschichten, ob im Schein des Lagerfeuers erzählt, auf der Bühne aufgeführt oder für die Leinwand gefilmt – immer haben Geschichten die Menschen fasziniert, ergriffen und in ihren Bann geschlagen. Geschichten sind aus unserem Leben nicht wegzudenken. Sie begleiten uns seit frühester Kindheit, helfen uns, die Mühen des Lebens zu ertragen, und entführen uns aus dem tristen Grau des Alltags, unterhalten, ergötzen.

Doch wie steht es mit der Verantwortung des Geschichtenerzählers? Sollte er nur fabulieren, skurrile Welten erfinden oder sich womöglich seinen Frust von der Seele schreiben? Sollte er wirklich nur unterhalten oder sich selbst verwirklichen? Egal ob Buch-, Hörspiel- oder Drehbuchautor, wer schreibt, gibt seinem Publikum Nahrung – geistige Kost, die es in sich aufnimmt und mit sich herumträgt. Ist die Verantwortung des Schriftstellers da nicht eine viel höhere als nur die eines Erzählers? Hat er nicht auch die Verantwortung eines Lehrers, eines Mystikers, vielleicht sogar eines Seelsorgers? Er gibt den Seelen Nahrung und muss verantworten, womit er sie nährt, mit Mord und Tod oder mit Freude und Leben, mit Frustration oder Hoffnung, mit Aggression oder Frieden, Hass oder Liebe.

Als Schriftsteller und Verleger habe ich es mir zum Ziel gesetzt, Geschichten zu erzählen und zu fördern, die nicht nur unterhalten, sondern auch die Kraft in sich tragen, Menschen zum Guten zu bewegen, in ihnen den Willen zum Guten zu wecken, Anstöße zu geben, Denkprozesse in Gang zu setzen. Geschichten, die beides miteinander verbinden, Fabulierfreude und Lebenserkennen, fremde Welten durchreisen und Selbsterkenntnis fördern, die Schattenseiten des Lebens beleuchten und auf das Licht verweisen, aus dem tristen Grau des Alltags entführen und lichtvolle Impulse für genau diesen Alltag geben.

Geschichten, egal wann und wo sie spielen, ob lang oder kurz, ausschweifend oder wortkarg, schwer oder leicht. Geschichten, die vom Leben erzählen, Geschichten mit Herz, die Mut machen, Freude versprühen, Geheimnisse enthüllen. Geschichten zum Nachdenken, Nacherzählen und Nachleben. Geschichten, die die Seele anrühren, die Ehrfurcht vor der Schöpfung mehren und den Glauben an das Gute stärken. Geschichten, die das Leben bejahen und seinen Sinn enthüllen. Geschichten voller Spiritualität, Religiosität und Lebenslust. Geschichten, die nicht belehren, sondern begeistern, nicht ermahnen, sondern mitreißen. Geschichten, die nicht nur vom Leben reden, sondern von Leben durchtränkt sind, die den Atem des Lebens versprühen und das Hohelied der Liebe zum Leben singen. Geschichten, die dazu beitragen, unsere Welt ein bisschen besser zu machen. Geschichten, die die Menschen zum Guten bewegen.

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