Paradies oder Schlaraffenland?

Paradies oder Schlaraffenland?

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und irgendwann auch den Menschen, so zumindest berichtet es die biblische Schöpfungsgeschichte. Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, Adam und Eva, pflanzte ihnen einen Garten, setzte sie hinein und segnete sie. Das war das Paradies. Die Menschen lebten in Einheit mit Gott, und Gott gab ihnen alles, was sie zum Leben brauchten. Doch dann kam der Sündenfall, und die Menschen fielen heraus aus der Einheit mit ihrem Schöpfer. Von nun an mussten sie sich selbst mit Müh und Plage erarbeiten, was sie zum Leben brauchten – im Schweiße ihres Angesichts. So die Geschichte.

Doch es gibt noch eine andere Geschichte, ein Märchen, nicht vom Paradies, sondern von einem Land, in dem es zwar keinen Gott, aber ansonsten alles im Überfluss gibt, was Herz und Gaumen begehren: das Schlaraffenland.

Alle Brunnen sind dort voll mit Wein und Champagner. In den Bächen fließt Milch, und im Winter regnet es Honig. Die Hauswände sind aus Lebkuchen, die Balken aus Schweinebraten, die Zäune aus Bratwürsten. Die Vögel fliegen fertig gebraten in der Luft umher, und die gebraten herumlaufenden Spanferkel tragen die Tranchiermesser bereits im Rücken. Das Geld kann man von den Bäumen schütteln, und in den Sträuchern hängen die schönsten Kleider, Broschen und Perlen. Gegen das Alt- und Hässlichwerden helfen fantastische Jungbrunnen. Fürs Faulenzen gibts Geld und Gold, und das Lügen gilt als die beste Kunst. Wer Gutes tut und Böses lässt, wird aus dem Schlaraffenland vertrieben, wer aber nichts kann außer schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird zum Grafen ernannt. Der Faulste und zu allem Guten Untauglichste wird König und hat ein riesiges Einkommen.

So haben wir auf der einen Seite – recht unspektakulär – einen Garten, der den Menschen nährt und in dem er in Einheit mit der Natur und mit Gott lebt. Auf der anderen Seite aber haben wir ein Land des Überflusses, des Reichtums, des Genusses und des grellsten und frivolsten Luxuslebens.

Wenn wir uns unsere heutige, westliche Wohlstandsgesellschaft anschauen mit ihrem Gewinnstreben und ihrem fast schon ordinären Lechzen nach immer mehr Geld und Macht, mit ihren Vergnügungen und Obszönitäten, ihren Schlüpfrigkeiten und Schwelgereien – dann erinnert Vieles ganz fatal an das Märchen vom Schlaraffenland. Uns fliegen die gebratenen Tauben zwar nicht direkt ins Maul, aber dafür liegen sie in den Regalen der Supermärkte, Einkaufszentren und Feinkostläden oder werden uns in den Sternerestaurants und Gourmettempeln auf teuren Porzellantellern serviert.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Geld alles und die Natur nichts zählt. Mit Geld kann sich jeder sein eigenes Schlaraffenland schaffen, die Natur – der Garten des Paradieses – ist dabei nur noch Mittel zum Zweck und wird gnadenlos ausgebeutet und zerstört. Menschen, die sich selbstlos für ihre Mitmenschen oder den Erhalt der Natur einsetzen, haben einen schweren Stand. Dagegen sind die Milliardäre, die immer nur an sich selbst gedacht und ungeheure Vermögen angehäuft haben, die großen Heroen. Menschen, die ihr Leben zu nichts anderem nutzen, als nur immer mehr und mehr und noch mehr Geld für sich selbst zu horten. Manche geben sich zwar großzügig, bilden Stiftungen, lassen den Gutmenschen heraushängen und klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Aber trotz allem, was sie sich rühmen, Gutes für die Allgemeinheit zu tun, scheffeln sie doch immer weiter Milliarden nur für sich selbst, bauen sich ihre eigenen Wolkenkratzer, schippern in riesigen Luxusjachten umher und halten sich einen gigantischen Fuhrpark an Luxusautos. Wie viele Hungernde könnten allein von den dort stehenden Bentleys, Rolls-Royce oder Bugattis ernährt, wie viele Flüchtlinge gerettet, wie viele Arbeitslose mit Arbeit versorgt werden? Und solche Menschen sind die große Kapitalelite unserer Gesellschaft, sind diejenigen, denen andere nacheifern und zu denen die meisten aufschauen. Dabei sind es vielfach Menschen, die nur an sich selbst denken. Egoisten, die gelernt haben, über Leichen zu gehen und die Not der Welt zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen oder zumindest zu ignorieren. Das menschliche Wertesystem scheint auf den Kopf gestellt zu sein. Der äußere Wohlstand des Schlaraffenlandes zählt alles, der innere Wohlstand des Paradieses so gut wie nichts mehr.

Was aber ist der innere Wohlstand des Paradieses? Wofür steht er?

Äußerlich gesehen ist das Paradies ein Garten, der die Menschen mit seinen Früchten nährt, also die Natur. Im Paradies gibt es keinen Überfluss, keinen Reichtum, keinen Luxus und man kann auch kein Geld von den Bäumen schütteln. Die Menschen haben hier alles, was sie brauchen, mehr aber auch nicht. Der eigentliche Wohlstand des Paradieses kann nur ein innerer sein. Das Paradies ist kein äußerer Ort, lässt sich mit äußerem Wohlstand nicht vergleichen und kann auch nicht mit Geld erkauft werden.

Das Paradies steht für ein Leben in Harmonie und Einheit mit Gott. Ein Leben ohne Sorgen, ohne Nöte, ohne Leid, ohne Hass, ohne Missgunst, ohne Krieg. Das Paradies ist ein innerer Zustand, ist Gesundheit, Frieden, Ruhe, Liebe, Freude, Geborgenheit. Im Paradies zu leben bedeutet, mit Gott zu leben, nicht in Rieten und Zeremonien, sondern im Tun und im Fühlen. Es bedeutet, glücklich zu sein, seinen Mitmenschen zu lieben, ihm zu helfen, mit ihm mitzufühlen, die Natur zu sehen, sich mit ihr zu verbinden und eins zu sein mit allem, was lebt. Das Leben ist der Atem Gottes, das Leben ist Gott selbst.

Das Paradies steht für all das, was Menschen glauben, sich mit Geld kaufen und erreichen zu können. Aber auf dem Weg des Geldes ist alles Paradiesische unerreichbar. Erreichbar ist es nur im eigenen Herzen. Es kommt darauf an, welcher Gott dort thront, der der Liebe oder der des Hasses, der der Einfachheit oder der der Schlemmer, der der Natur oder der der Geldgier, der des inneren Friedens oder der des äußeren Genusses, der der Güte oder der des Egoismus.

Wir Menschen sollten umdenken und umkehren, den Weg des Schlaraffenlandes verlassen und uns wieder dem Paradies zuwenden. Dort gibt es all das, was wir brauchen, um frei und glücklich auf dieser Erde zu leben.

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