Bergsteiger

Göttliche Bergsteiger

Aus der Einleitung zu dem Buch „Der Gralsweg“

© 2013 Eich-Verlag, Thomas Eich

Inmitten einer großen Ebene liegt ein mächtiger, hoch aufragender Berg von gewaltiger Ausdehnung. Rund um diesen Berg leben verschiedene Völker. Die einen nahe dem Berg, die anderen weiter weg, die einen auf der Nordseite, die anderen auf der Südseite, die einen im Westen, die anderen im Osten. Sie alle gehen ihren alltäglichen Beschäftigungen nach. Die meisten dieser Menschen haben sich längst an den Berg gewöhnt. Sie sind so in ihre eigenen Angelegenheiten, Wünsche und Vergnügungen verstrickt, dass sie dem Berg keine Beachtung mehr schenken und ihn gar nicht mehr wahrnehmen. Ihr Leben findet in den Straßen und Häusern ihrer Städte statt, der Berg spielt dabei keine Rolle. Ihr Leben ist mühselig genug, was schert sie da noch irgendein Berg.

Es gibt aber auch Menschen, die der Berg auf irgendeine Art und Weise fasziniert oder anzieht. Manche von ihnen setzen sich über Jahre hinweg immer wieder auf ihre Hausdächer und betrachten ihn. Sie deuten das, was sie sehen, und erdenken sich allerlei Theorien. Sie diskutieren miteinander, haben unterschiedliche Standpunkte und ziehen teils widersprüchliche Schlüsse. Trotzdem sind sie die Fachleute für den Berg und predigen denen, die sich nicht die Mühe machen, den Berg selbst zu erkunden, was sie gesehen und was sie erdacht haben.

Allerdings beschreiben die Fachleute auf den verschiedenen Seiten des Berges den Berg sehr unterschiedlich. Denn der Berg sieht nicht überall gleich aus. Auf der einen Seite ist er steil und felsig, und die Fachleute, die ihn auf dieser Seite betrachten, sagen: „Der Berg ist steil und felsig.“ Auf einer anderen Seite aber steigt der Berg ganz sanft an und ist mit großen Wäldern überzogen, und die Fachleute dort sagen: „Der Berg ist sanft und bewaldet.“ Auf einer dritten Seite sind wunderschöne Wasserfälle und viele Almwiesen, und die Fachleute dort sagen: „Der Berg ist voller Wasserfälle und Almwiesen.“

Alle Fachleute, die den Berg beschreiben, haben auf ihre Weise recht, und doch sind ihre Betrachtungen und Theorien sehr unterschiedlich. Deshalb bezeichnen sie sich gegenseitig als Lügner oder bekämpfen sich sogar. Sie alle haben nur einen beschränkten Blick auf den Berg, sehen nur einen kleinen Teil von ihm und denken, der ganze Berg müsste so sein, wie sie ihn sehen.

Es gibt aber auch Menschen, die geben sich nicht damit zufrieden, die anderen als Lügner zu bezeichnen. Sie machen sich mehr Mühe und umwandern den Berg. Sie sehen auch die anderen Seiten und merken, dass auch die anderen Fachleute recht haben und der Berg auf den verschiedenen Seiten tatsächlich ganz unterschiedlich aussieht. Doch wenn diese Menschen zurück nach Hause kommen und von ihren Beobachtungen erzählen, werden sie von den heimischen Fachleuten als Lügner bezeichnet, werden beschimpft, als Spinner, Betrüger oder Irrlehrer abgetan. Denn was sie berichten, widerspricht allen Beobachtungen und Theorien der heimischen Fachleute.

Schließlich gibt es auch die Menschen, denen es nicht reicht, den Berg nur zu betrachten, sondern die ihn mit Haut und Haaren erleben und aus der Nähe erkunden wollen. Sie packen ihre Sachen und machen sich auf, den Berg zu besteigen.

Zunächst ist der Weg einigermaßen leicht. Es ist ein einfaches Wandern, und die Steigung macht noch keine Mühe. Doch schon bald wird es steiler und anstrengender. Es kostet zunehmend Kraft und erfordert Geschick, sich den Berg emporzuarbeiten. Manch einem wird es zu anstrengend, er kehrt um und beschränkt sich wieder auf die bloße Anschauung des Berges.

Manch andere kehren um, um unten zu berichten, was sie entdeckt haben. Sie haben vielleicht den versteckten Eingang zu einer Höhle und dort fantastische Tropfsteine oder kostbare Mineralien gefunden. Berauscht von diesen Schönheiten eilen sie hinunter ins Tal und erzählen davon. Doch auch sie werden als Lügner abgetan, und nur wenige glauben ihnen. Die Fachleute erklären, man könne keine Höhle sehen, und deshalb könne es auch keine geben.

Wieder andere halten an besonders schönen Fleckchen des Berges inne und bleiben dort, genießen die Aussicht hinab in die Ebene und den erhabenen Blick hinauf zum nahen Gipfel.

Doch dann gibt es auch die anderen, die Verwegenen, die Abenteurer, die sich von keiner Mühe oder Gefahr schrecken und von keiner Schönheit ablenken lassen. Sie wollen den Berg bezwingen und den Gipfel erreichen, komme, was da wolle.

Sie brauchen viel Kraft und Geschick, und ein ums andere Mal stoßen sie an ihre Grenzen, stecken in einer Steilwand fest, geraten in Sturm und Gewitter oder müssen sich durch Schnee und Eis emporkämpfen. Doch nichts kann sie aufhalten, nichts sie von ihrem Ziel abbringen. Immer vertrauter wird ihnen der Berg, immer tiefer erspüren sie sein Wesen und seine Kraft. Je höher sie steigen, umso klarer und frischer wird die Luft, immer mehr Glück und Freude erfüllt ihre Herzen, und sie wollen gar nicht mehr zurück in die Tiefe, wollen weiter, höher, wollen endlich den Gipfel erklimmen.

Und schließlich, nach langem, kräftezehrendem und mühevollem Aufstieg, der ihnen alles abverlangt hat, stehen sie oben auf dem Gipfel, blicken hinunter in die Ebene, schauen alle Seiten des Berges, sehen, wie weit er sich in alle Richtungen erstreckt, und erahnen, wie groß und mächtig er in Wahrheit ist, viel größer und mächtiger als alle Theorien sämtlicher Fachleute ihnen glauben gemacht haben. Und sie sinken in die Knie vor Ehrfurcht und neigen ihre Häupter. Unaussprechlich ist das Erleben in ihren Herzen.

Nun sind sie die wahren Fachleute. Sie kennen den Berg wirklich, haben die Höhen und Tiefen, die Gefährnisse und Schönheiten erlebt. Sie haben ihn gefühlt, geschmeckt, die Wiesen mit den duftenden Blumen durchwandert, den Geruch der Tannen und Fichten in sich aufgesogen, sich an Felsen und Steilhängen emporgekämpft, Gletscher überwunden und den Gipfel erklommen. Sie sind die Meister des Berges, die den Berg nicht nur aus der Ferne beobachten, ihn nicht nur theoretisch erkunden, sondern ihn erlebt und sich von seiner Majestät überzeugt haben.

Und oben auf dem Gipfel treffen sie andere Bergsteiger, die von anderen Seiten auf anderen Wegen den Berg erklommen und das gleiche Ziel erreicht haben wie sie, und sie alle einen sich zu einer großen Bruderschaft, einer großen Familie. Am liebsten würden sie alle auf dem Gipfel bleiben und dieses unaussprechlich große und erhabene Erleben für alle Ewigkeit genießen.

Doch ihre Gedanken werden hinuntergezogen in die Tiefe, zu den Menschen in den Tälern, in den Städten. Und eine Liebe entbrennt in ihnen. Sie wollen helfen, wollen auch die anderen Menschen auf den Berg führen und ihnen dieses großartige Erleben ermöglichen. Und so machen sich einige von ihnen auf den Abstieg, kehren zurück in die Tiefe und berichten von ihren Erfahrungen. Sie werden zu Bergführern, sammeln die Menschen um sich, die auch den Berg besteigen wollen, und führen sie hinauf, helfen ihnen in den Gefahren und zeigen ihnen die Schönheiten. Und so steigen immer mehr aus den Tiefen empor, hinauf auf den Berg und lernen ihn wirklich kennen und lieben.

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