Janosch

Der alte Janosch

Auszug aus dem Roman „Kampf um den Garten Gottes“

© 2009 Eich-Verlag, Thomas Eich

Den ganzen Nachmittag irrte Stefan durch die Gassen und Winkel der Stadt und versuchte, Klarheit in seine Gedanken zu bringen. Er wollte das Gespräch mit dem König vergessen, wollte den Eindruck des Versagens aus seiner Seele bannen. Doch als er nach Stunden der Unrast in die Mühltalstraße einbog, fühlte er sich genauso niedergeschlagen wie zuvor. Gesenkten Hauptes schlich er auf das Haus der Mellingers zu, als ihn plötzlich jemand ansprach.

„Na, junger Freund, so betrübt? Ist dir die Liebste davongelaufen?“

An einer Hauswand lehnte ein alter Landstreicher und zog genüsslich an seiner Pfeife. In dem braungebrannten Gesicht funkelten zwei wasserblaue Augen und glitzerten Stefan freundlich an. Nun löste er sich von der Wand und kam auf den Betrübten zu.

„Na, so schlimm wird’s schon nicht sein“, munterte er ihn auf. „Komm, die Sonne lugt heute so warm in den Herbst hinein, dass es eine Schande wäre, sich jetzt schon in dunkle Gemäuer zu verkriechen. Lass uns zum Flussufer spazieren und dann erzählst du dem alten Janosch, was dich bedrückt.“ Und mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: „Ist noch keiner zu mir gekommen, der nicht froh und mit einem Lachen wieder von mir gegangen wäre. Wir werden dich schon wieder hinbekommen.“

Stefan musste schmunzeln. Vom alten Janosch hatte er schon gehört. Er war ein alter Walzbruder, der sich vor einigen Jahren in der Stadt niedergelassen hatte und von allen nur der Lustige genannt wurde.

Aufmunternd legte er Stefan eine Hand auf die Schulter und sie gingen hinunter zum Fluss.

Stefan war froh, nicht mehr allein zu sein. Nur zu gern ließ er sich von dem Alten unter den tiefhängenden Weiden hindurch zwischen Stadtmauer und Flussufer entlangführen. Nur zu gern ließ er sich von ihm die versteckten Schönheiten herbstlichen Lebens am Wegrand zeigen.

Jede noch so unscheinbare Blüte, jedes noch so welke Blättchen war ihm Balsam auf die schmerzende Wunde seiner Seele. Jeden Augenblick genoss er, den er an der Seite des alten Vagabunden verbringen durfte, den er nicht in der schneidenden Kälte trostloser Einsamkeit verleben musste. Wie ein rettender Engel erschien ihm der Greis, der stillvergnügt neben ihm einherschritt und nach einem geeigneten Ruheplätzchen Ausschau hielt.

Wohlwollend betrachtete Stefan den rüstigen Greis. Man merkte, dass er das Leben der Landstraße gewohnt war. Geschmeidig waren seine Bewegungen und trotz seines hohen Alters hatte er eine drahtige Gestalt. Einzig die Falten und Runzeln seines sonnengegärbten Gesichts ließen das Alter des Kunden erahnen.

Endlich hatte seine Suche Erfolg. Am plötzlichen Aufleuchten seiner Augen erkannte Stefan, dass der Alte ein geeignetes Fleckchen gefunden hatte. Sofort wies der greise Tippelbruder über den Fluss und führte Stefan über eine schmale Holzbrücke ans jenseitige Ufer, dann vom Weg ab, zwischen einigen Sträuchern hindurch zur Uferböschung.

Eingerahmt von einem breiten Hollunderbusch lag eine kleine Wiese im prallen Schein der tiefstehenden Oktobersonne. Das grüne Fleckchen war gerade so groß, dass sich die beiden Männer behaglich der Länge nach hinstrecken, den ruhigen Lauf des Wassers beobachten und sich von der wohligen Wärme des sonnigen Tages durchrieseln lassen konnten. Genüsslich reckte Janosch seine Glieder, griff in sein Ränzel, holte zwei rotbäckige Äpfel hervor und reichte Stefan einen.

Schweigend genossen beide den frischen Geschmack des saftigen Obstes. Erst jetzt bemerkte Stefan, dass er seit dem Morgen nichts mehr gegessen und ein beißendes Hungergefühl ihn beschlichen hatte.

Als der Alte seinen Apfel gegessen hatte, wandte er sich väterlich an Stefan und ermunterte ihn, seinem Herzen Luft zu machen.

Zunächst zögerte Stefan. Konnte er einem wildfremden Menschen seine Sorgen und Probleme anvertrauen? Wie sollte er es, ohne das Geheimnis seines geliebten Waldes preiszugeben? Nachdenklich blickte er in das stille Rauschen des unermüdlich vorüberfließenden Wassers. Eine ganze Weile saß er so schweigend und in sich gekehrt. Dann, den Blick starr in die Ferne gerichtet, begann er.

Ohne ein einziges Mal innezuhalten, erzählte er seine ganze Geschichte, vom Tag, da er das Schweigen des Waldes bemerkt, bis zu jenem, der ihn in die Stadt geführt hatte. Nichts ließ er aus, nicht die Zwerge und Elfen und nicht den Besuch bei Meister Kleiber, selbst das Geheimnis des Waldes gab er preis. Es drängte ihn, sich dem Alten anzuvertrauen, sein Herz auszuschütten und nicht mehr die Last seiner Bürde tragen zu müssen.

Nachdem er seinen Besuch beim König geschildert und das Scheitern seiner Mission in Aussicht gestellt hatte, verfiel er in trübes Schweigen.

Leise plätscherte das Wasser ans Ufer und nahezu lautlos spielte der Wind im Geäst des Busches.

Schweigend saßen die beiden Männer nebeneinander und blickten in die kühle Frische des vorüberziehenden Flusses, Stefan traurig und leer, Janosch schauend und sinnend. Nach einer Weile wandte sich der Alte dem Niedergeschlagenen zu und klopfte ihm tröstend auf die Schulter.

„Du darfst nicht aufgeben, Stefan! Glaube auch weiterhin, dass du deine Aufgabe erfüllen kannst! Auch wenn dir deine Lage nun trostlos erscheinen mag und du keinen Ausweg siehst: Aufgeben darfst du nicht!

Weisst du“, der Blick des Alten wanderte über Fluss und Stadt hinweg in die Ferne, „viele Jahre bin ich durch die Lande gezogen, habe den Staub der Straße und den Duft der Freiheit geschmeckt, und in all den Jahren habe ich manch Wundervolles und manch Unglaubliches erlebt. Vieles habe ich gesehen und vieles gehört. Glaube mir: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als das, was wir sehen, hören und mit unserem kleinen Menschenhirn erfassen können.

Die Wege Gottes sind oft eigenartig, manchmal sogar wild verschlungen, aber sie führen jede Seele an ihr Ziel und jede Aufgabe ihrer Lösung zu. Auch du wirst deinen Auftrag erfüllen können, wenn dich ein unerschütterlicher Glaube an das Gelingen und an die Hilfe deines Herrn beseelt. Glaube du nur, alles Weitere wird Er für dich tun!“

Und dem Jüngeren mitfühlend ins Herze schauend, legte er ihm die unsterblichen Worte des Dichters Paul Gerhard in die Seele:

„Befiehl du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt!
Der Wolken Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.“

In plätscherndem Schweigen verhallten die Worte des Alten und umkränzten die Seelen der beiden Männer mit dem unergründlichen Lorbeer göttlicher Erbarmung. Lichte Hoffnung durchrieselte Stefans Gedanken und legte sich wärmend um sein Gemüt. Lechzend trank sein Herz die Weihe der Stunde und schmiegte sich an die väterliche Freundlichkeit des alten Vagabunden.

„In all den Jahren“, fuhr der Alte fort, „in denen ich durch die Lande gezogen bin, habe ich viel erlebt und viel gelernt. Auf der Landstraße lernt man manches, was die wohlbeleibten Bürger in ihren Steinkolossen niemals lernen werden. Im Herzen des Wanderers erblüht eine Liebe, die der Städter nicht kennt. Eine Liebe zu den Vögeln des Himmels, den Tieren des Waldes, den Bäumen, Sträuchern und Blumen, zu allem, was auf Erden lebt. Eine unsägliche Liebe erfasst ihn zur großen Mutter allen Lebens, zur geliebten Mutter Erde. Und irgendwann begreift er, dass alles zusammengehört, dass der Mensch nur ein Teil der Natur und alles Leben mit dem seinen verschwistert ist.

Mit jedem Schritt auf seinem Weg dringt er tiefer ein in das große Mysterium des Lebens. Immer weiter öffnet sich sein Blick, erschließen sich ihm Geheimnisse, die nur selten ein Mensch erschaut. Nur wenige sind es, die schließlich ganz in das Mysterium des Lebens eindringen und den tiefen Sinn irdischen Daseins erkennen.“

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