Albert Schweitzer

Albert Schweitzer
(14. Januar 1875 – 4. September 1965)

Kurzbiografie eines außergewöhnlichen Menschen

© Thomas Eich

„The greatest man in the world“
(Life Magazin 1947)

Albert Schweitzer (1875-1965) ist einer der Menschen, denen man mit noch so ausführlichen Würdigungen nie ganz gerecht werden wird. Er gilt als einer der „modernen Heiligen“ des 20. Jahrhunderts und als eines der wenigen Universalgenies seiner Zeit, ein guter Freund Albert Einsteins und mit einem Intellekt begabt, der dem des Physikers in nichts nachstand. Er war Professor und Doktor der Theologie, Doktor der Philosophie, Forscher, Musiker, einer der größten Bach-Experten seiner Zeit, Orgelbaufachmann und – und das vor allem – Doktor der Medizin, weltbekannter „Dschungel-Arzt“ und ein mit außergewöhnlichem Mitgefühl begabter Menschenfreund. Er war Friedensnobelpreisträger, einer der ersten Gegner der nuklearen Aufrüstung und Vorreiter des Umweltschutzes. Und schließlich schuf er mit seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben eine zukunftsweisende Richtschnur menschlichen Miteinanders und liebevollen Umgangs mit der Natur und ihren Geschöpfen.

Sein Leben

„Ich war ein Glückspilz, dass ich nach Lambarene gegangen bin, denn in Lambarene habe ich gefunden, was ich suchte: Liebe, Vertrauen, Hilfsbereitschaft und nützliche Arbeit.“
Albert Schweitzer, 1963

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar 1875 in Kayserberg im Oberelsass geboren und wuchs im nahegelegenen Günsbach auf. Dort besuchte er auch die Volksschule, danach zwei Jahre die Realschule in Münster und schließlich das Gymnasium in Mülhausen, wo er 1893 das Abitur machte. Im gleichen Jahr begann er an der Universität Straßburg ein Studium in Theologie und Philosophie. Er promovierte in beiden Fächern, habilitierte und wurde zum Universitätsprofessor für Theologie berufen.

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit entwickelte sich Schweitzer auch zu einem anerkannten Konzertorganisten. Schon früh erhielt er Klavier- und Orgelunterricht und ließ eine ausgesprochene Begabung für das Instrument erkennen. Ab 1885 studierte er Orgel bei Eugen Munch, später bei Charles Marie Vidor in Paris.

Darüber hinaus beschäftigte sich Schweitzer intensiv mit Orgelbau und in besonderer Weise mit Leben und Werk Johann Sebastian Bachs. Neben seinem Studium und seiner akademischen Arbeit gab er viele Orgelkonzerte, erarbeitete eines der grundlegenden musikwissenschaftlichen Werke über Bach und veröffentlichte eine Gesamtausgabe sämtlicher Bachchoräle.

Pfingsten 1896 ereignete sich dann das, was den Lebensweg des jungen Albert Schweitzer entscheidend beeinflussen sollte: Angeregt durch das Leid und Elend, das er um sich herum wahrnahm und das in großem Kontrast zu seiner eigenen glücklichen und geborgenen Lebenssituation stand, fasste er mit seinen jungen 21 Jahren den Entschluss, sein Leben nach dem 30. Lebensjahr nur noch dem „unmittelbaren menschlichen Dienen“ zu widmen. Wie genau es dazu kam, beschrieb er so:

Es kam mir unfaßlich vor, daß ich, wo ich so viele Menschen um mich herum mit Leid und Sorge ringen sah, ein glückliches Leben führen durfte. Schon auf der Schule hatte es mich bewegt, wenn ich Einblick in traurige Familienverhältnisse von Klassenkameraden gewann und die geradezu idealen, in denen wir Kinder des Pfarrhauses zu Günsbach lebten, damit verglich. Auf der Universität mußte ich in meinem Glücke, studieren zu dürfen und in Wissenschaft und Kunst etwas leisten zu können, immer an die denken, denen materielle Umstände oder die Gesundheit solches nicht erlaubten. An einem strahlenden Sommermorgen, als ich – es war im Jahre 1896 – in Pfingstferien zu Günsbach erwachte, überfiel mich der Gedanke, daß ich dieses Glück nicht als etwas Selbstverständliches hinnehmen dürfe, sondern etwas dafür geben müsse. Indem ich mich mit ihm auseinandersetzte, wurde ich, bevor ich aufstand, in ruhigem Überlegen, während draußen die Vögel sangen, mit mir selber dahin eins, daß ich mich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr für berechtigt halten wollte, der Wissenschaft und der Kunst zu leben, um mich von da an einem unmittelbaren menschlichen Dienen zu weihen. Gar viel hatte mich beschäftigt, welche Bedeutung dem Worte Jesu, ‚Wer sein Leben will behalten, der wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird es behalten‘, für mich zukomme. Jetzt war sie gefunden. Zu dem äußeren Glücke besaß ich nun das innerliche.“1

Konsequent setzte der junge Albert Schweitzer den einmal gefassten Entschluss um. Ab 1905 studierte er neben seinem Lehrauftrag Medizin, um später als Arzt den Kranken in Zentralafrika helfen zu können. Als er auch dieses Studium mit einem Doktortitel abgeschlossen hatte, gab er seine vielversprechende akademische Laufbahn auf und machte sich im Frühjahr 1913 zusammen mit seiner Frau Helene auf den Weg nach Lambarene in Französisch-Äquatorialafrika (das heutige Gabun), um dort ein Urwaldhospital aufzubauen.

Für die nächsten 52 Jahre sollte dieser Ort zum Dreh- und Angelpunkt seines Lebens werden. Unter primitivsten Umständen begann er mit dem Aufbau seines Spitals. Erstes Sprechzimmer und Operationssaal war ein alter Hühnerstall, die Hütten für die Kranken wurden aus Bambus gebaut und erst Ende des ersten Jahres gab es die erste Wellblechbaracke.

Obwohl Albert Schweitzer von Lambarene aus umfangreiche Korrespondenzen zu philosophischen, theologischen und musikalischen Themen mit bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit führte, zahlreiche Bücher schrieb, eine eigene „Kulturphilosophie“ entwickelte und seine Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ begründete, stand doch immer das Spital im Zentrum seines Handelns. Wenn er in Europa war, gab er Konzerte oder hielt Vorträge, um Geld für sein Spital zu sammeln. Wie ein Bettler zog er durch die Welt, um Gelder für die Ärmsten der Armen zu beschaffen und für sie Medikamente, Verbandsstoffe und alles, was ein Urwaldhospital so braucht, bezahlen zu können.

Auch seine immer größere Bekanntheit – das Life Magazin nannte ihn den größten Menschen der Welt, die New York Times einen Titan, und für sein Engagement wurde er unter anderem mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels und sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet – nutzte er stets, um Gelder für sein Spital zu sammeln.

Aber auch über die Grenzen seines Spitals hinaus setzte Schweitzer sich für seine Überzeugung ein, so war er ein konsequenter Anhänger des Tierschutzes und einer der ersten Verfechter der atomaren Abrüstung, was ihm nicht nur Freunde einbrachte.

Als Albert Schweitzer am 4. September 1965 in Lambarene starb, verließ einer der ganz Großen die Bühne des irdischen Lebens, ein Leuchtturm des Mitgefühls in einer Zeit, die geprägt war von Hass und Krieg und die beschämt vor diesem Menschen stehen muss.

Nach seinem Tod kamen über drei Monate lang ständig Menschen aus den zum Teil entlegensten Gebieten Zentralafrikas, um ihre Dankbarkeit und Ehrerbietung für ihren „Grand Docteur“ durch das Tanzen von Totentänzen zum Ausdruck zu bringen.


  1. Steffahn, Harald (Hrsg.): Das Albert Schweitzer Lesebuch, Taschenbuch, 407 Seiten. C. H. Beck, Beck´sche Reihe, München 2009, S. 90-91.

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