Der Zauberlehrling

Der Zauberlehrling

Die Nachkommen des Zauberlehrlings


Frei nach der Ballade „Der Zauberlehrling“

von Johann Wolfgang von Goethe

© Thomas Eich

Da der alte Weltenmeister
Uns die Schöpfung übergeben,
Wollen wir die Erdengeister
Künstlich neu und frisch beleben.
Wie der Stoff gefüget,
Ist uns wohl bekannt,
Doch wie ungenügend
Schuf des Alten Hand!
Darum wollen
Wir beginnen,
Zu ersinnen
Neue Formen,
Und ganz neue Welten sollen
Nun entstehn nach uns’ren Normen.

Neuer Himmel, neue Erde,
Neue Schöpfung – nun erstehe!
Diesmal sprechen wir „Es werde!“
Alles Alte – nun vergehe!
Tiere, Pflanzen, Menschen,
Nahrung, Medizin,
Ganz nach uns’ren Wünschen
Soll die Welt erblühn!
Beuget, beuget
Stoff und Kräfte
Eure Säfte
Uns’rem Willen,
Und was uns’re Kunst gezeuget,
Soll die neue Welt erfüllen!

Seht, wie wir die Welt erbauen
Und ganz neue Wesen schaffen!
Kommt, ihr Menschen, sollt es schauen!
Wir sind eure neuen Pfaffen.
Seht, Tomatenröte,
Schwein mit Menschengen!
Krankheiten und Nöte
Sollen nun vergehn!
Pein und Elend
Wird sich legen,
Unser Segen
Hunger enden,
Uns’re Kunst das Böse nehmen,
Alles sich zum Guten wenden.

Auch wenn viele vor uns warnen,
Risikos heraufbeschwören,
Brauchen wir uns nicht zu tarnen,
Unser Tun kann niemand stören.
Auch wenn kleine Fehler
Mancherorts geschehn,
Wir sind keine Hehler,
Müsst die Ziele sehn!
Ob Tomaten
Oder Schweine,
Große, kleine,
Ganz egal.
Wir befruchten neu die Saaten,
Schöpfen Wesen ohne Zahl.

Doch, o weh, was ist erstanden
Aus den Formeln, die wir schufen!
Wie die Stoffe sich verwandeln!
Anders, als von uns berufen!
Pflanzen, die sonst friedlich,
Werden aggressiv,
Tiere, die sonst niedlich,
Manisch depressiv.
Resistente
Killermücken,
Die auf Brücken,
Straßen, Plätzen
Menschen morden und latente
Kräfte in Bewegung setzen.

Doch wir wolln das Treiben enden
Und ein neues Gift ersinnen,
Dass uns Mücken nicht mehr schänden,
Dass wir ihrem Gift entrinnen.
Seht, schon wird’s verstäubet,
Und in großer Not
Fallen wie betäubet
Mücken und sind tot.
Doch, o wehe,
Weh uns Tröpfen
Vor Geschöpfen,
Die erstanden
Durch das Gift wohl aus der Hölle!
Hilf uns Meister aus den Banden!

Böse Viren und Bazillen
Wuchern, wachsen, toben, töten.
Nichts kann ihre Fresslust stillen.
Meister, hilf aus diesen Nöten!
Ach, da kommt der Meister,
Naht mit strengem Blick.
Riefen wir die Geister,
Schick Er sie zurück!
„Stoff und Kräfte,
Seid bezwungen!
Eingedrungen
In die Wesen
War’n des Teufels üble Säfte.
Werdet, was ihr einst gewesen!“

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