Albert Schweitzer – Lambarene

Albert Schweitzer – Lambarene

Albert Schweitzer (1875-1965)
Albert Schweitzer (1875-1965) – (Quelle: Deutsches Bundesarchiv)

„Mein Gehen nach Afrika ist ein Gehorsam gegen Jesus.”
Albert Schweitzer, 1931

Als Albert Schweitzer sich mit 21 Jahren entschloss, ab dem 30. Lebensjahr sein Leben nur noch dem unmittelbaren menschlichen Dienen zu widmen, wusste er noch nicht, wo ihn dieses Dienen hinführen würde. Zunächst dachte er an eine Tätigkeit in Europa, plante, verlassene oder verwahrloste Kinder aufzunehmen und zu erziehen oder sich Vagabunden und entlassenen Gefangenen zu widmen. Doch sein Weg sollte ein anderer sein. Es dauerte einige Zeit, bis er Klarheit fand. Wie es dazu kam, beschrieb er selber so:

„Eines Morgens, im Herbst 1904, fand ich auf meinem Schreibtisch im Thomasstift eines der grünen Hefte, in denen die Pariser Missionsgesellschaft allmonatlich über ihre Tätigkeit berichtete. […] Mechanisch schlug ich dies am Abend zuvor in meiner Abwesenheit auf meinen Tisch gelegte Heft auf, während ich es, um alsbald an meine Arbeit zu gehen, beiseite legte. Da fiel mein Blick auf einen Artikel mit der Überschrift ‚Les besoins de la Mission du Congo‘ (Was der Kongomission not tut). Er war von Alfred Boegner, dem Leiter der Pariser Missionsgesellschaft, einem Elsässer, und enthielt die Klage, dass es der Mission an Leuten fehle, um ihr Werk in Gabun, der nördlichen Provinz der Kongokolonie, zu betreiben. Zugleich sprach er die Hoffnung aus, dass dieser Appell solche, ‚auf denen bereits der Blick des Meisters ruhe‘, zum Entschluss bringe, sich für diese dringende Arbeit anzubieten. Der Schluss lautete: ‚Menschen, die auf den Wink des Meisters einfach mit: Herr, ich mache mich auf den Weg, antworten, dieser bedarf die Kirche.‘

Als ich mit dem Lesen fertig war, nahm ich ruhig meine Arbeit vor. Das Suchen hatte ein Ende.“ 1

Von 1905 an studierte Albert Schweitzer neben seiner akademischen Lehrtätigkeit Medizin und schloss das Studium im Februar 1913 mit einem Doktortitel ab. Einen Monat später reiste er mit seiner Frau nach Lambarene. Auf eigene Kosten baute er unterhalb der Missionsstation ein Hospital auf. Dann kam der Erste Weltkrieg. Zunächst durfte Schweitzer in Lambarene bleiben, doch 1917 musste er Afrika verlassen und konnte erst 1924 wieder zurückkehren.

Von seinem Spital fand er allerdings nur noch Ruinen vor, und so machte er sich an den Wiederaufbau. Doch schon ein Jahr später wurde es notwendig, ein drittes Mal mit dem Spitalbau zu beginnen. Aufgrund einer Hungernot, in deren Folge Dysenterie ausbrach und im Hospital die Patienten aus Platzmangel nicht ausreichend isoliert werden konnten, fasste er im Oktober 1925 den Entschluss, das ganze Hospital etwa drei Kilometer stromaufwärts auf größerem Grund neu aufzubauen. Was dieser Entschluss für seine Familie bedeutete, beschrieb er einmal so:

„Ich aber denke an das Opfer, das meine Frau und mein Kind für die Verlegung des Spitals bringen müssen. Für Ende dieses Winters erwarten sie mich zurück. Nun werde ich aber kaum vor Beginn des nächsten nach Europa kommen. Ohne mich kann nicht gebaut werden.” 2

Ab 1950 baute Schweitzer in der Nähe des Spitals auch ein eigenes Lepradorf auf.

Über 50 Jahre seines Lebens setzte sich Albert Schweitzer unermüdlich für sein Hospital in Lambarene ein. Insgesamt vierzehnmal reiste er nach Afrika, teilweise für mehrere Jahre, das letzte Mal von 1959 bis zu seinem Tod Anfang September 1965.

Als Ergebnis der Erfahrungen aus seinem ersten Afrikaaufenthalt 1913 bis 1917 schrieb er im Schlusskapitel seines Buches „Zwischen Wasser und Urwald“:

„Das körperliche Elend ist draußen überall groß. Haben wir ein Recht, die Augen davor zu schließen und es zu ignorieren, weil die europäischen Zeitungen nicht davon sprechen? Wir sind verwöhnt. Wenn bei uns jemand krank ist, ist der Arzt sogleich zur Hand. Muß operiert werden, so tun sich alsbald die Türen einer Klinik auf. Aber man stelle sich vor, was es heißt, daß draußen Millionen und Millionen ohne Hoffnung auf Hilfe leiden. Täglich erdulden Tausende und Tausende Grausiges an Schmerz, was ärztliche Kunst von ihnen wenden könnte. Täglich herrscht in vielen, vielen fernen Hütten Verzweiflung, die wir bannen könnten. Es wage doch jeder nur die letzten zehn Jahre in seiner Familie auszudenken, wenn sie ohne Ärzte hätten verlebt werden sollen! Wir müssen aus dem Schlafe aufwachen und unsere Verantwortungen sehen.

Wenn ich es als meine Lebensaufgabe betrachte, die Sache der Kranken unter fernen Sternen zu verfechten, berufe ich mich auf die Barmherzigkeit, die Jesus und die Religion befehlen. Zugleich aber wende ich mich an das elementare Denken und Vorstellen. Nicht als ein ‚gutes Werk‘, sondern als eine unabweisliche Pflicht soll uns das, was unter den Farbigen zu tun ist, erscheinen.

Was haben die Weißen aller Nationen, seitdem die fernen Länder entdeckt sind, mit den Farbigen getan? Was bedeutet es allein, daß so und so viele Völker da, wo die sich mit dem Namen Jesu zierende europäische Menschheit hinkam, schon ausgestorben sind und andere im Aussterben begriffen sind oder stetig zurückgehen! Wer beschreibt die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die sie im Laufe der Jahrhunderte von den Völkern Europas erduldet? Wer wagt zu ermessen, was der Schnaps und die häßlichen Krankheiten, die wir ihnen brachten, unter ihnen an Elend geschaffen haben!

Würde die Geschichte alles dessen, was zwischen den Weißen und den farbigen Völkern vorging, in einem Buche aufgezeichnet werden, es wären, aus älterer wie aus neuerer Zeit, massenhaft Seiten darin, die man, weil zu grausigen Inhalts, ungelesen umwenden müßte.

Eine große Schuld lastet auf uns und unserer Kultur. Wir sind gar nicht frei, ob wir an den Menschen draußen Gutes tun wollen oder nicht, sondern wir müssen es. Was wir ihnen Gutes erweisen, ist nicht Wohltat, sondern Sühne. Für jeden, der Leid verbreitete, muß einer hinausgehen, der Hilfe bringt. Und wenn wir alles leisten, was in unseren Kräften steht, so haben wir nicht ein Tausendstel der Schuld gesühnt. Dies ist das Fundament, auf dem sich die Erwägungen aller ‚Liebeswerke‘ draußen erbauen müssen.“ 3


Anmerkungen

  1. Steffahn, Harald (Hrsg.): Das Albert Schweitzer Lesebuch, Taschenbuch, 407 Seiten. C. H. Beck, Beck´sche Reihe, München 2009, S. 93-94.
  2. Ebd. S. 282.
  3. Schweitzer, Albert: Zwischen Wasser und Urwald, Taschenbuch, 151 Seiten, 16 Abbildungen, C. H. Beck, Beck´sche Reihe, München 2008, S. 147-148.


Lesen Sie auch meinen Artikel Albert Schweitzer – sein Leben.

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