Im Land der Phantasie

Im Land der Phantasie

Ein Idyll

© Thomas Eich


Fertig. Aufatmend lehnte er sich zurück. Da lag es vor ihm: sein Werk. Eine wahre Meisterleistung. Eine kleine Stadt war es geworden, mit einer Polizeistation, einem Supermarkt und einigen Einfamilienhäusern. Zufrieden betrachtete er, was seine Phantasie geschöpft hatte. Welch schönes Bild! Welche Harmonie die Gebäude verband!

Mit zögerndem Schritt ging er langsam die Straße entlang. Vorbei an dem Supermarkt, der etwas außerhalb lag und – im Landhausstil erbaut – erst auf den zweiten Blick als solcher zu erkennen war. Alles Schreiende, Grelle fehlte.

Dann – hinter einer Wiese, auf der friedlich einige Kühe grasten – kam er an den alten Bauernhof. Der Hof war das Einzige, was er übernommen, um den herum er seine kleine Stadt erbaut hatte. Fasziniert bestaunte er das schöne Fachwerk und den eleganten Giebel. Ein Hund sprang schwanzwedelnd aus dem Tor, beschnupperte ihn und jagte dann wild bellend zurück in den Hof.

An das Bauernhaus grenzte das Herzstück seines Städtchens: eine komfortable Siedlung mit Kindergarten und Feinkostgeschäft. Hier war jedes Haus von hohen Tannen umgeben. Es sah mehr nach einem Naturschutzgebiet als nach einer Wohnsiedlung aus. Die Häuser verschmolzen förmlich mit dem sie umgebenden Wald.

Auf dem kleinen Dorfplatz standen einige Männer beisammen und unterhielten sich, während zwei Frauen auf einer Bank saßen und lasen. Wie schön es doch war! Am liebsten hätte er sich zu den Männern gestellt und mitgeschwatzt, aber zuerst wollte er alles beschauen, was sich seinem Geist entrungen hatte.

Er ging quer über den Dorfplatz, an der kleinen Polizeistation vorbei in Richtung des großen Wasserturms. Auch hier bot sich ihm ein weiches Bild gelungener Harmonie. Farben und Formen griffen ineinander. Wohlige Geborgenheit durchdrang sein Gemüt.

Als er das letzte Haus erreicht hatte, betrachtete er eine Weile den nahen Wasserturm und wandte sich wieder dem Städtchen zu. Da drang ein Ruf an sein Ohr.

„Peter, das Essen ist fertig.“

Irritiert blickte er sich um und kehrte nur langsam in die Wirklichkeit zurück. In behagliches Schauen versunken, hatte er alles um sich herum vergessen.

„Peter, kommst du? Es wird kalt.“

Hastig sprang er auf und riß mit dem Fuß den Wasserturm um. Die Bausteine brachen auseinander. Einen Moment hielt er inne, dann lief er aus dem Zimmer.

„Ja, Mama, ich komme.“

 

Die Kommentare sind geschloßen.