Nero und die Christen

Nero und die Christen

Ein Radiofeature

(Auszug)

© Thomas Eich


Zuspiel 1
:
Prasseln, Knistern und Zischen eines riesigen Feuersturms / Schreie von Menschen / Einstürzende Gebäude (Quo vadis)

Regie:
anspielen, dann unter Reporter liegen lassen

Reporter (fiktiv):
(aufgeregt laut, kann das Getöse kaum übertönen)

Wir stehen hier am Ufer des Tiber. Um uns herum wüten die Flammen. Eine riesige Feuersbrunst wälzt sich über die Stadt. Rom brennt. Drei Bezirke sind schon zerstört. Die Menschen springen in ihrer Verzweiflung in den Fluss. Überall liegen Tote und Verletzte. Kinder laufen schreiend umher. Häuser stürzen ein. Mehr als drei Tage wütet das Feuer bereits. Ein Ende ist nicht in Sicht. Alle Versuche, die Flammen zu löschen, sind fehlgeschlagen. (Die Löschtrupps wissen nicht mehr weiter. Sie kämpfen nur noch ums nackte Überleben…)

Regie:
ausblenden, darüber:

Sprecherin:
So oder so ähnlich hätte es wohl geklungen, wenn es zu Zeiten Neros das Radio bereits gegeben hätte. Der große Brand Roms im Jahre 64 war eine ungeheure Katastrophe. Ein Inferno, wie es die Stadt noch nie erlebt hatte. Und es war der Ausgangspunkt für die erste große Christenverfolgung.

AnsagerIn:
Ein neuer und gefährlicher Aberglaube – Nero und die Brandstifter. Feature von Thomas Eich. Aus der Reihe: Von Kaisern und Märtyrern – Christenverfolgung im Römischen Reich.

Zitator 2:
Lest eure Geschichtswerke! Dort werdet ihr finden, dass als erster Nero gegen unsere Gemeinschaft, die gerade damals in Rom aufkam, mit dem kaiserlichen Schwert losgefahren ist. Aber auf einen solchen Stifter unserer Verfolgung sind wir sogar stolz. Denn wer ihn kennt, vermag zu begreifen, dass etwas, das von Nero verfolgt worden ist, nichts anderes sein kann als ein besonderes Gut.

Sprecher:
So schrieb der christliche Apologet Tertullian in seiner Verteidigung des Christentums im Jahre 197.

Sprecherin:
Das Bild Neros als erster Christenverfolger und vermeintlicher Antichrist hat sich bis in unsere Zeit gehalten. Auch heute noch ist er für viele Menschen der Inbegriff des größenwahnsinnigen Tyrannen.

Zuspiel 2:
Gesang Neros „O lodernd Feuer“ (Quo vadis) (1:09 Min.)

Regie:
anspielen „Oh, o lodernd Feuer, oh, o göttliche Macht, o verschlingende Allmacht, Heil! Was ist geschwinder, Zerstörung zu bringen…“, dann unter Sprecherin liegen lassen

Sprecherin:
So kennen ihn sicher die meisten, den dichtenden und singenden Nero. Dargestellt vom jungen Peter Ustinov in Mervyn LeRoys Film „Quo vadis“ von 1951. Kaum jemals hat ein Stück Fiktion den Blick auf die Geschichte so geprägt wie dieser Film und der ihm zugrunde liegende Roman. Wer einmal den Film gesehen hat, wird wahrscheinlich immer, wenn er den Namen Nero hört, den leierspielenden Peter Ustinov vor Augen haben.

Regie:
die letzte Zeile des Gesangs „…o verschlingende Macht der Erde.“, Beifall und Nero: „Ihr müsst damit zufrieden sein.“

Sprecher:
Für das negative Image des Kaisers sind aber bereits Quellen aus der Antike maßgeblich. So heißt es beispielsweise in der Kaiserbiographie des römischen Geschichtsschreibers Sueton:

Zitator 1:
Seine Gestalt war von fast mittlerer Mannesgröße, sein Körper mit Flecken bedeckt und übelriechend, das Haar hellblond, sein Gesicht mehr schöngebildet als anmutig, die Augen blau und sehr schwach, der Nacken übermäßig fett, der Bauch stark vortretend, die Schenkel überaus dünn. (…) Proben von Übermut, Wollust, Schwelgerei, Habsucht und Grausamkeit gab er anfangs zwar nur vereinzelt und verborgen und als Ausdruck jugendlichen Leichtsinns, doch so, dass schon damals niemand darüber im Zweifel sein konnte, dass diese Laster seinem Naturell, nicht seiner Jugend entsprachen.

Sprecherin:
Nero wurde am 15. Dezember des Jahres 37 geboren. Seine Mutter Agrippina war eine Schwester Caligulas und eine Urenkelin des Kaisers Augustus. Somit war Nero ein Spross des Kaiserclans. Für Agrippina war er von Anfang an ein Mittel zur Verwirklichung eigener Machtinteressen. Sie war eine hemmungslos ehrgeizige Frau und arbeitete mit eindrucksvoller Energie an ihrer Karriere bei Hof.

Sprecher:
Nachdem ihr Bruder Caligula im Jahre 41 ermordet und ihr Onkel Claudius Kaiser geworden war, setzte Agrippina alles daran, den neuen Herrscher für sich einzunehmen. Zu Beginn des Jahres 49 hatte sie es geschafft: Claudius heiratete sie. Er sah in einer Ehe mit seiner attraktiven Nichte das beste Mittel, ihren Ehrgeiz unter Kontrolle zu halten. Ein Jahr später adoptierte er Nero, der nun potenzieller Nachfolger war.

 

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