Pilgerchor

Pilgerchor

Drehbuch für einen Kurzfilm

©  Thomas Eich

 

1   AUSSEN. FRIEDHOF – TAG    1

Ein düsterer, wolkenverhangener Himmel.

Wir senken den Blick und schauen hinab auf einen tristen Friedhof in blattlos herbstlichem Grau. Es regnet.

Im Hintergrund arbeiten ZWEI TOTENGRÄBER an einem frisch ausgehobenen Grab.

Im Vordergrund steht ein ALTER MANN (WILHELM WIECZERWA, 88, ärmlicher Aufzug, Gehstock) vor einem kargen Grab mit einem alten, verwitterten Holzkreuz.

Die INSCHRIFT auf dem Kreuz ist kaum noch zu erkennen. Nur mit Mühe lesen wir:

JAKOB WIECZERWA, 1897 BIS 1971

Rechts und links von dem Grab ist Rasen. Die Gräber, die dort einmal waren, sind schon längst nicht mehr.

Der alte Mann presst seinen eingedellten Hut vor die Brust, bekreuzigt sich, schließt die Augen und murmelt lautlos ein Gebet.

Von seinem Hut tropft Wasser. Auch über sein Gesicht rinnen Tropfen. Er scheint es nicht zu bemerken. Andächtig murmelt er vor sich hin.

Dann verstummen seine Lippen, er bekreuzigt sich erneut und öffnet die Augen. Lange blickt er auf das Grab hinab. Dann nickt er grüßend und murmelt mit ostpreußischem Akzent.

WILHELM
Bis Morjen dann, Vatter, bis morjen.

Er setzt seinen Hut auf den Kopf und wendet sich schwerfällig um.

Beschwerlich geht er den einsamen Friedhofsweg entlang zwischen den Gräbern hindurch.

Wir bleiben zurück und sehen ihm eine Weile nach. Immer kleiner wird das alte Menschlein, immer übermächtiger der düstere Friedhof.

MUSIK: Leise, mit dem typischen Knacken einer alten Schallplatte beginnt der PILGERCHOR aus Wagners Tannhäuser: „Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen …“

ABBLENDE:


2    SCHWARZBILD   2

MUSIK: weiter Wagner

WILHELM (O.S.)
(spricht leise mit)
Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen,
und grüßen froh deine lieblichen Auen;
nun lass ich ruhn den Wanderstab,
weil Gott getreu ich gepilgert hab.

Dann TITEL:

HEIMAT, DIE:
der geographisch einheitlich erlebte Raum (Landschaft, Siedlungsform), mit dem sich der Mensch durch Geburt, Tradition u. Lebensweise besonders verbunden fühlt, in dem seine Persönlichkeit maßgeblich geprägt wurde, seine ersten entscheidenden sozialen Beziehungen zustande kamen.

AUFBLENDE:


3   INNEN. WOHNUNG WILHELM – NACHT   3

MUSIK: weiter Wagner

Eine Wand mit altmodischer Tapete und verschiedenen, meist vergilbten

SCHWARZ-WEISS-FOTOS

in unterschiedlichen nicht zueinander passenden Rahmen:

Zuerst ein vergilbtes FOTO, das Wilhelm als 10-jährigen strahlend neben seinem Vater und vor einem prächtigen Bauernhaus zeigt.

Das nächste FOTO zeigt Wilhelm als Jugendlichen bei der Feldarbeit. Ein stolzer junger Mann von vielleicht 15 Jahren.

Zwischen den Fotos hängt ein schlichtes HOLZKREUZ ohne Corpus.

Daneben ein kleines OSTPREUSSEN-WAPPEN.

Nun sehen wir ein etwas verwackeltes FOTO: Wilhelm ist nicht viel älter als auf dem vorherigen, aber sehr ernst. Er trägt eine zerschlissene und verdreckte Uniformjacke, wirkt abgemagert und erschöpft. Er lehnt an einem übervoll beladenen Karren und blickt ausdruckslos in die Kamera.

Das nächste FOTO zeigt ihn als Maurer auf einer Baustelle, mittlerweile ist er erwachsen. Neben ihm steht sein bereits ergrauter Vater. Glücklich schaut Wilhelm zu ihm empor.

Dann folgt ein PORTRAIT des Vaters als alter Mann. Über der unteren Ecke des Bildes klebt ein schwarzes Band.

Den Abschluss bildet – ein unerwarteter Kontrast zu den vergilbten Fotos – das große ÖLGEMÄLDE eines prächtigen Bauernhofs in wunderschöner Landschaft. Wir erkennen den Hof vom ersten Foto wieder.

Unter dem Gemälde steht ein alter PLATTENSPIELER, auf dem sich eine ebenso alte LP dreht.

Jetzt betrachten wir das Zimmer. Es ist ärmlich eingerichtet und wirkt sehr trist, wenig heimelig, ohne Wärme. Es ist Wohn-, Schlaf- und Esszimmer in einem. Hinter einem schäbigen Vorhang erahnen wir eine Küchenzeile.

Wilhelm sitzt in einem uralten Sessel und lauscht mit geschlossenen Augen der Musik. Auf seinem Schoß liegt ein aufgeschlagenes Fotoalbum. Auch hier Schwarz-Weiß-Fotos. Die beachten wir aber nicht weiter. Statt dessen wenden wir uns Wilhelm zu und betrachten sein Gesicht. Es wirkt traurig, erschöpft, tiefe Falten zerfurchen es. Es ist ein Gesicht, das viel erlebt hat, nicht immer nur Schönes. Nun löst sich eine Träne aus Wilhelms Auge und läuft ihm langsam die Wange hinunter und ins Hemd hinein. Er wischt sie nicht weg.

ABBLENDE:

Mit der Abblende endet auch die MUSIK


4   AUSSEN. VOR HOCHHAUS – TAG   4

Gleich schlechtes Wetter wie zu Beginn. Es regnet in Strömen.

Wilhelm kommt aus der Tür eines schäbigen Hochhauses. Langsam und schwerfällig schlurft er mit seinem Stock die Straße entlang.


5   AUSSEN. PARK – TAG   5

Es regnet immer noch.

Wilhelm steht auf seinen Stock gestützt am Ufer eines kleinen Teiches und wirft Brotstücke ins Wasser.

Ein paar ENTEN tummeln sich um ihn her im Wasser und jagen nach den Brotkrümeln.

Wilhelm betrachtet das Getümmel, aber sein Gesicht bleibt starr. Kein Lächeln. Sein Blick wirkt leer.

Er schüttet die letzten Krümel über den Enten aus und schlurft mühsam weiter.


6   AUSSEN. FRIEDHOF – TAG   6

Es regnet immer noch.

Wieder steht Wilhelm vor dem Grab seines Vaters. Wieder presst er den Hut vor die Brust. Wieder betet er lautlos.


7   AUSSEN. VOR HOCHHAUS – TAG   7

Es regnet immer noch.

Wilhelm geht auf das Hochhaus zu. Plötzlich bleibt er stehen und fasst sich an die Brust. Er verzieht sein Gesicht vor Schmerzen, taumelt, will sich irgendwo festhalten und fällt zu Boden.

Ab hier ZEITLUPE:

Er schlägt mit einer Wange auf dem Boden auf. Unzählige Wassertropfen spritzen empor. Reglos bleibt er liegen. Das Wasser beruhigt sich wieder, nur noch die Regentropfen fallen auf den Boden, in die Pfützen und auf Wilhelms Gesicht. Einige Augenblicke vergehen. Die Zeit scheint stillzustehen.

Ein TAXI fährt durch eine Pfütze. Wasser spritzt auf Wilhelm. Das Taxi bleibt stehen.

Aus dem Eingang des Hochhauses kommt eine JUNGE FRAU in hautengem Minikleid und läuft, während sie sich eine Zeitung über den Kopf hält, zum Taxi, steigt ein, das Taxi fährt weiter.

Ein ÄLTERES EHEPAAR mit tief gesenktem Schirm kommt die Straße entlang. Sie stolpern fast über Wilhelm, machen einen Bogen um ihn und gehen vorbei. Wieder Stille.

Ab hier wieder ECHTZEIT:

Wir schauen Wilhelm ganz nah ins Gesicht. Plötzlich öffnet er die Augen. Einen langen Augenblick liegt er so, dann merkt er, wo er ist, und richtet sich auf.

Er bleibt einen kurzen Moment im Nassen sitzen.

Dann nimmt er seinen mittlerweile pitschnassen Hut vom Boden, steht mühevoll auf und schleppt sich zum Hauseingang.


8   INNEN. WOHNUNG WILHELM – TAG   8

Erschöpft und schwer atmend kommt Wilhelm in das trübe Dämmerlicht des Zimmers. Die Vorhänge sind zugezogen.

Stöhnend streift er den Mantel ab und lässt ihn samt Hut auf den Boden fallen. Dann sinkt er schwer in seinen Sessel, schließt die Augen und ringt nach Luft. Nur langsam beruhigt sich sein Atem.

MUSIK: Der Pilgerchor beginnt erneut.

Erstaunt öffnet Wilhelm die Augen und sieht zu dem Plattenspieler hinüber.

Die Nadel liegt ruhig neben dem Teller.

Wilhelm richtet sich ein wenig auf und blickt sich im Zimmer um. Er kann keine Quelle für die Musik ausmachen. Noch einmal sieht er zum Plattenspieler. Irritiert schüttelt er den Kopf. Dann lässt er sich erschöpft in den Sessel zurücksinken und schließt die Augen. Einen langen Moment sitzt er so.

Dann öffnet er die Augen, als hätte ihn jemand gerufen, und sieht auf einen ganz bestimmten Punkt an der Wand. Seine Augen weiten sich, und er starrt entgeistert die Wand an.

Wir folgen seinem Blick, können aber nichts sehen. Also wenden wir uns wieder ihm zu.

Er blickt immer noch auf den gleichen Punkt, doch seine Züge entspannen sich. Er lauscht. Ein Lächeln legt sich auf sein Gesicht.

WILHELM
Nach Hause!

Das Lächeln wird so freudig und strahlend, wie wir es bei ihm nicht für möglich gehalten hätten. Auch als er die Augen wieder schließt und sich zurücklehnt, bleibt das Lächeln.

Wilhelm
Endlich nach Hause!

Einige Augenblicke sitzt er reglos. Dann, als hätte ihn erneut jemand gerufen, öffnet er noch einmal die Augen und sieht auf den Punkt an der Wand. Müde schüttelt er den Kopf.

WILHELM
Warte noch etwas.
Ich bin so müde.
Ich muss ausruhen.

Er lauscht wieder und nickt verstehend. Sein Gesicht ist jetzt nur noch Freude. Ganz langsam und völlig entspannt schließt er die Augen. Sein Kopf sinkt zurück. Tief atmet er aus. Alle Schwere, alles Bedrückende fließt in diesem Atmen aus ihm heraus. Zurück bleibt nur das glückliche Lächeln. Er wirkt jetzt viel jünger, heller, schöner.

Plötzlich springt das Fenster auf, und ein heftiger WINDSTOSS fährt durchs Zimmer, weht die Vorhänge zur Seite, und ein greller Sonnenstrahl fällt auf Wilhelms Gesicht. Der Wind zaust ihm die Haare.

Wilhelm öffnet die Augen und steht auf. Er hat auf einmal etwas ganz Feines, Zartes an sich, wirkt auf besondere Weise lieblich, edel und schön. Beinahe so, als stünde der strahlende Zehnjährige des ersten Fotos vor uns.

Er wendet sich um und blickt zurück auf den Sessel. Mit ihm sehen auch wir, dass sein Körper immer noch regungslos im Sessel sitzt, und wir verstehen …

Der verjüngte Wilhelm wendet sich dem Punkt an der Wand zu.

Und nun sehen wir plötzlich auch dort eine schemenhafte Gestalt. Wir erkennen ihre Züge, es ist Wilhelms Vater. Er winkt Wilhelm, ihm zu folgen, wendet sich dem Fenster zu und löst sich im einströmenden Tageslicht auf.

Wilhelm zögert. Noch einmal blickt er auf seinen toten Körper. Dann wendet er sich um und geht – ohne Stock und mit leichtem Schritt – zum Fenster. Hier löst auch er sich auf.

Wir folgen ihm und blicken hinaus in einen unfassbar schönen Himmel. Sonnenstrahlen brechen in breiter Front durch die zerzausten Überreste der Regenwolken. Dazwischen leuchtet das schönste Himmelblau hervor, das wir je gesehen haben. Sehnsuchtsvoll schauen wir hinauf. Dann schwingen wir uns empor …


9   AUSSEN. HIMMEL – TAG   9

MUSIK: weiter Wagner, Höhepunkt des Chores

… Wir fliegen hinauf, hinauf, hinauf, bis wir auch die letzten Wolkenfetzen hinter uns lassen und uns nur noch gleißender Sonnenschein umgibt. Prächtige Wolkenlandschaften unter uns.
Fliegen und genießen, genießen, genießen …

JAKOB (O.S.)
Ich wusste gar nicht, wie schön …

Wir genießen, bis die MUSIK abzuklingen beginnt.


10   AUSSEN. FRIEDHOF – TAG   10

MUSIK: weiter Wagner

Wir schauen hinauf in einen wunderbar blauen Himmel und senken den Blick langsam auf den Friedhof. Es sprießt erstes, zartes Grün, und nichts ist mehr düster.

Die beiden Totengräber vom Anfang klopfen die Erde auf einem frischen Grab fest. Wir bewegen uns luftig, aber doch ruhig und keinesfalls hektisch um sie und das Grab herum.

TOTENGRÄBER 1
Armer Teufel. Kein Schwein ist gekommen.

TOTENGRÄBER 2
Haben ihn erst nach vier Wochen gefunden.

TOTENGRÄBER 1
Zum Kotzen.

TOTENGRÄBER 2
So möcht ich nicht verrecken.

TOTENGRÄBER 1
So möcht ich auch nicht begraben werden.

TOTENGRÄBER 2
Na, wenigstens hat er es jetzt hinter sich.

Sie packen ihre Schaufeln und gehen davon.

Wir wenden uns wieder dem Himmel zu, steigen wieder empor in die lichte Schönheit eines herrlichen Sonnentages.

MUSIK: letztes Ausklingen des Chores, darüber:

WILHELM (O.S.)
Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen,
und grüßen froh deine lieblichen Auen;
nun lass ich ruhn den Wanderstab,
weil Gott getreu ich gepilgert hab.

Mit dem Ende der MUSIK:

ABBLENDE

 

 

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