Aus dem Tagebuch des Beatus Klingohr

Aus dem Tagebuch des Beatus Klingohr

1990/91 hatte ich das Glück, für den Spielfilm DER WUNDERAPOSTEL die Hauptrolle des Beatus Klingohr spielen zu können. Zur Vorbereitung auf diese Rolle und um mich in das Gefühls- und Seelenleben des Beatus hineinzufühlen, habe ich einige Seiten Figurentagebuch geschrieben. Hier ein Ausschnitt:

Fast ein Jahr bin ich nun schon auf der Landstraße und lasse mich treiben wie ein abgefallenes Blatt im Herbstwind. Kein Ziel, keine Zukunft. Immer wieder aufs Neue holt mich mein Schicksal ein und streckt mich zu Boden. Wohin ich auch fliehe, es ist schon da. Was ich auch tue, es lastet wie ein dunkler Fluch auf mir. Mein Leben ist zerschlagen. Nicht einmal die freie Ungebundenheit der Walzbrüder kann es mich vergessen lassen.

Und immer wieder die eine Frage: Warum? Warum musste alles so kommen? Warum musste es so enden? Jedes Mal verhallt die Frage dumpf im Raum. Keine Antwort, keine Hoffnung.

Nur die Natur kann mir Momente der Freude und des Friedens schenken, doch immer währt das Glück nur kurz, und nur zu bald kreisen die dunklen Schwingen der Verzweiflung wieder über meinem Haupt. Es scheint keinen Ausweg zu geben. So ziehe ich von einem Ort zum nächsten. Immer in der Hoffnung, hier nun endlich das zu finden, was ich suche: Freiheit von den dunklen Schatten, die auf meiner Seele lasten. Aber wo soll ich finden, was den Stachel aus meiner Seele ziehen kann. Den Stachel, der sich dort mit unzähligen Widerhaken festkrallt? Wer kann mir helfen?

Gott? In glücklicheren Tagen glaubte ich mit Freude an Ihn und meinte, Ihn in all Seinen Geschöpfen zu finden. Aber seit mir mein zerschlagenes Schicksal den Kopf zu Boden beugt, habe ich mich so manches Mal gefragt, ob es diesen Gott tatsächlich gibt. Diesen Gott, wie ich Ihn mir vorgestellt hatte: voll Liebe und Güte und Allerbarmen. Gibt es Ihn wirklich? Ist Er nicht nur ein Traum? Ein Trugbild menschlicher Phantasie?

Immer wieder zermartern mir diese Fragen mein Hirn. Immer wieder grüble ich. Suchen, doch kein Finden. Fragen, doch keine Antworten. Nur Leere, Leid und Verzweiflung …

Ich bin auf der Flucht. Doch egal, wohin ich komme, das, wovor ich fliehe, ist schon da. Es ist in mir! Ist ein Teil von mir! Ein Teil meiner Vergangenheit!

Oh, Gott! Wenn es Dich wirklich gibt, wie ich es früher so fest geglaubt habe und wie ich es heute nicht leugnen will, dann bitte ich Dich: Hilf mir! Schenk mir Erlösung! So, wie Du in jedem Frühjahr die im Herbst verdorrten Blumen neu erblühen lässt, so lass auch mein Leben neu erblühen! So wie sie tot schienen, scheint auch mein Dasein tot, vernichtet und zerschlagen zu sein. Hilf mir! Lass mich finden, was ich suche: Frieden, Glück, Erlösung!

(© Thomas Eich)

 

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